In diesem Blog berichten wir in regelmäßigen Abständen über ausgewählte, aktuelle Themen, die im beruflichen (und auch privaten) Umfeld für Spannungen, Leistungsverlust und Ineffizienz führen und wie man ihnen begegnet. Heute geht es um toxische Menschen.

Das Gespräch führt unsere Mitarbeiterin Julia Gehre mit Diplom-Psychologen Stephan Berger selbständiger Psychologe/Coach und Dozent an der Psychologischen Fakultät der Universidad Europea Madrid (UEM).

Herr Berger, was sind toxische Menschen?

Toxisch ist abgeleitet von dem lateinischen Begriff toxicus und bedeutet übersetzt giftig. Ein toxischer Mensch ist somit ein giftiger Mensch oder einfacher gesagt, ein Mensch, der einem nicht guttut oder bewusst schadet.

Es gibt allerdings keine einheitliche Definition von toxischen Menschen. Die Psychologie fokussiert sich daher auf beobachtbares Verhalten und Eigenschaften eines toxischen Menschen.

Welches Verhalten und welche Eigenschaften sind das?

Toxische Menschen nehmen keine Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer. Sie setzen ihren Standpunkt mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln durch und greifen dabei auch zu drastischen Mitteln. Sie kontrollieren, manipulieren und setzen andere unter Druck. Sie gehen dabei sehr geschickt vor und meistens ist ihnen jedes Mittel recht.

Im beruflichen Umfeld dominieren toxische Menschen Meetings und Teams. Vieles, wenn nicht alles, dreht sich um diese Person und ihre Themen.

In Beziehungen sind toxische Menschen der dominierende Part. Toxische Partner neigen dazu, über Schuldzuweisungen und Schuldgefühle den Partner oder ihre Kinder klein zu halten und in ihrem Sinne zu manipulieren. Toxische Frauen neigen zudem zu Intrigen; sie lügen und lästern hinter dem Rücken über andere. Toxische Eltern kontrollieren ihre Kinder. Die Kinder bekommen kaum Freiraum für die eigene Entfaltung und jeder Schritt wird kontrolliert. Geheimnisse gegenüber den Eltern, die im Kindes- und Jugendalter für die Entwicklung und den Abnabelungsprozess sehr wichtig sind, dürfen diese Kinder nicht haben. Zimmer werden durchsucht, Freunde gescannt und Chatverläufe auf Handys gelesen.

Selbstzweifel haben diese Menschen nicht, aus ihrer Sicht machen solche Menschen immer alles richtig. Der andere trägt immer die Schuld. Den Standpunkt des anderen versuchen zu verstehen oder ein klärendes Gespräch zu führen, das kommt ihnen meistens gar nicht in den Sinn. Empathie und Einfühlungsvermögen sind diesen Menschen fremd. Selbstreflexion, ein zentrales Element der emotionalen Intelligenz, fehlt komplett.

Wie kann ich toxische Menschen erkennen?

Toxische Menschen verhalten sich geschickt und bei den ersten Begegnungen sind sie eher übermäßig freundlich und sympathisch. Haben Sie dann Einfluss auf das Geschehen oder die Menschen erlangt, nutzen sie den Einfluss für ihre eigenen Interessen.

Erkennen kann man sie am ehesten daran, dass sie nach einer Begegnung einen „schalen Nachgeschmack“ hinterlassen. Wenn sie merken, dass es ihnen nach einer Begegnung mit einem Menschen schlechter geht als vor der Begegnung, fragen sie sich, was dieses Gefühl verursacht hat. Hat der Mensch ihnen ein schlechtes Gewissen gemacht? Hat er über andere, vielleicht auch ihnen nahestehende Menschen, hergezogen? Hat er sie in übermäßiger und nicht angebrachter Weise kritisiert, z.B. ihr Verhalten oder ihr Aussehen?

In Teamstrukturen erkennen sie toxische Menschen an ihrer destruktiven Art. Negatives wird in den Mittelpunkt gestellt und positive Ergebnisse oder Ereignisse werden abgewertet oder gänzlich ausgeklammert.

Toxische Menschen schrecken in der Regel vor nichts zurück. Sie setzen andere unter emotionalen Druck und instrumentalisieren selbst Kinder für die Durchsetzung ihrer kruden Weltanschauung. Der toxische Mensch kennt nur einen Standpunkt: seinen eigenen.

Was sind die Gründe für toxisches Verhalten?

Toxisches Verhalten hat seinen Ursprung immer in einem mangelnden Selbstwertgefühl. Die Ursachen dafür liegen zumeist in der Kindheit: Mangelnde Liebe, dramatische Erlebnisse oder häusliche Gewalt erzeugen negative Gedanken. Leider werden dadurch auch Verhaltensmuster antrainiert, die bis in das Erwachsenenalter bestehen bleiben.

Toxische Menschen leben von den emotionalen Reaktionen anderer und versuchen dadurch, ihr eigenes Selbstbewusstsein zu erhöhen. Der toxische Mensch erkennt nicht, dass er das Problem ist, Schuld haben für ihn immer nur die anderen.

Herr Berger, was raten sie mir im Umgang mit toxischen Menschen?

Wichtig ist, klare Grenzen zu ziehen. Da der toxische Mensch von der Richtigkeit seines Verhaltens felsenfest überzeugt ist, ist er auch kaum bereit, eine andere Sichtweise einzunehmen oder sein Verhalten zu ändern. Eine selbstbewusste Haltung mit klarer Abgrenzung ist immer eine gute Strategie, wenn man dem toxischen Menschen im beruflichen oder privaten Umfeld nicht aus dem Weg gehen kann. Achten Sie darauf, dass die Grenzen eingehalten werden. Stößt der toxische Mensch auf Widerstand, ändert er allerdings häufig seine Taktik, um seinen Standpunkt trotzdem durchzusetzen. Dann kann er auch wieder übermäßig freundlich werden. Fallen Sie nicht darauf rein!

Ich habe in meiner Berufspraxis schon mit einigen Opfern von toxischen Menschen zu tun gehabt. Da toxische Menschen keine Zweifel an der Richtigkeit ihres Verhaltens haben, sind sie auch psychisch weniger anfällig, d.h. beim Psychologen wird man sie eher nicht antreffen.

Ich bedanke mich für dieses Interview, Herr Berger!